Fälle 006
Gilt die höhere Tabaksteuer schon aus Versehen? Auf dem Papier ja, an der Kasse nein
Was du wissen musst
Der Bundestag beschloss am 15. Oktober eine Erhöhung der Tabaksteuer in vier Stufen. Der Bundesrat ließ sie am 16. Oktober passieren, verkündet wurde sie am 20. Oktober.Bestätigt910114
Das Gesetz tritt am Tag nach der Verkündung in Kraft, und seine Tariftabelle hat keine Zeile für Ende 2026. Wörtlich gelesen gelten seit dem 21. Oktober die Sätze für 2030.Bestätigt4256
Das Finanzministerium spricht von einem technischen Fehler, der schon im eigenen Entwurf stand. Der Zoll erhebt bis Jahresende weiter die alten Sätze.Bestätigt127132
Für Raucher hat sich nichts geändert. Geplant sind für die durchschnittliche Schachtel 8,77 Euro im Jahr 2027 und 11,36 Euro im Jahr 2030, heute sind es 8,05 Euro.Bestätigt361314
Das Ministerium will eine schnelle Berichtigung nach seiner Geschäftsordnung. Rechtsprofessoren bezweifeln das und fordern ein neues Gesetz. Bis zum 27. Oktober ist keine Berichtigung erschienen.Bestätigt7156161718
Unklar ist noch, ob Liquids bis Januar steuerfrei sind, wie ein Professor meint.Unbestätigt1219
Zeitablauf
07.09.2026
Der Regierungsentwurf erscheint als Bundestagsdrucksache 21/7859. Er sieht jährliche Erhöhungen "beginnend ab 1. Januar 2027" vor, endet aber schon mit "tritt am Tag nach der Verkündung in Kraft".Bestätigt1314127
15.10.2026
Der Bundestag beschließt das Gesetz mit den Stimmen von CDU/CSU und SPD.Bestätigt910
16.10.2026
Der Bundesrat ruft den Vermittlungsausschuss nicht an. Das Gesetz ist beschlossen.Bestätigt114
20.10.2026
Verkündung im Bundesgesetzblatt, Nr. 309. Das Rechtsportal buzer weist am Vormittag auf X auf das Problem hin, am Nachmittag räumt das Ministerium einen technischen Fehler ein. Der Zoll stellt klar, dass die alten Sätze weiter gelten.Bestätigt1146122
21.10.2026
Das Gesetz ist formal in Kraft. In der Regierungspressekonferenz kündigt das Ministerium eine Berichtigung nach § 61 GGO an. Die Opposition verlangt Aufklärung.Bestätigt427152021
25.10.2026
Rechtsprofessor Kai von Lewinski sagt, nur ein neues Gesetz des Bundestags könne den Fehler beheben.Bestätigt61617
27.10.2026
Fünf neue Ausgaben des Bundesgesetzblatts erscheinen. Keine davon berichtigt das Tabaksteuergesetz.Bestätigt1518
Wer beteiligt ist
- Das Bundesfinanzministerium unter Lars Klingbeil (SPD) hat den Entwurf geschrieben und will ihn nun ohne neue Abstimmung berichtigen.Bestätigt1271315
- Der Zoll (Generalzolldirektion) erhebt die Steuer und soll weiter die alten Sätze anwenden.Bestätigt2
- Bundestag und Bundesrat haben das Gesetz beschlossen; ihre Präsidenten müssten einer Berichtigung nach § 61 GGO zustimmen.Bestätigt91011463
- Die Hersteller und ihre Verbände VdR und BVTE liefern zu alten Sätzen weiter und fordern Rechtssicherheit.Bestätigt126
- Katharina Beck (Grüne), Kay Gottschalk (AfD) und Wolfgang Kubicki (FDP) wollen das Thema ins Parlament bringen.Bestätigt2021
- Die Rechtsprofessoren Markus Ogorek, Kai von Lewinski, Volker Boehme-Neßler und Roland Ismer stellen das Vorgehen des Ministeriums in Frage.BestätigtUnbestätigt616171219
Was bestätigt ist
- Das Gesetz wurde ordnungsgemäß beschlossen und verkündet. Es gilt formal seit dem 21. Oktober 2026.Bestätigt9101142
- Der Tariftabelle fehlt eine Zeile für den Rest von 2026. Der Satz ohne Datum für Zigaretten, 18,57 Cent je Stück plus 21,05 Prozent des Preises, entspricht der Stufe 2030.Bestätigt456
- Alle Beteiligten wollten den Start zum 1. Januar 2027. Das Ministerium räumt ein, dass der Fehler im eigenen Entwurf stand und in Kabinett und Parlament niemandem auffiel.Bestätigt1314127
- Der Zoll wendet bis 31. Dezember 2026 die alten Sätze an. Die Hersteller liefern mit alten Steuerzeichen weiter, formal ein Verstoß, und Produkte im Handel werden nach altem Recht besteuert.Bestätigt2126
- Die Preise sind unverändert. Laut Ministerium merken Verbraucher die Panne am Kiosk nicht.Bestätigt36
- Das Ministerium strebt eine Berichtigung nach § 61 GGO an, die die Zustimmung der Präsidenten von Bundestag und Bundesrat braucht. Bis zum 27. Oktober ist keine erschienen.Bestätigt7156318
- Für Liquids nennt der neue Text für 2026 gar keinen Satz. Zuvor waren es 0,32 Euro je Milliliter, ab 2027 sind es 0,38.Bestätigt421
- Es geht um viel Geld: Der Bundestag erwartet 756 Millionen Euro mehr im Jahr 2027, bis 2030 steigend auf 3,589 Milliarden Euro.Bestätigt910
- Die Branche spricht von Dilettantismus, die Opposition will eine Debatte, und mehrere Rechtsprofessoren halten ein neues Gesetz für den sicheren Weg.Bestätigt12202161617
Was noch unbestätigt ist
- Ob eine Berichtigung nach § 61 GGO rechtmäßig ist und reicht. Das Ministerium verweist auf die Begründung, Professoren sagen, der Fehler betreffe den Inhalt und sei kein Druckfehler.Unbestätigt768
- Ob Liquids bis Januar steuerfrei sind. Ein Professor sagt ja, nach dem Wortlaut; Zoll und Ministerium sagen, der alte Satz gilt weiter.Unbestätigt1219
- Wann die Korrektur kommt. Das Ministerium nennt kein Datum; die Branche erwartet ein Änderungsgesetz frühestens in einem Monat.Unbestätigt721
Keine Belege gefunden
- Behauptung: Raucher oder Händler müssen die höhere Steuer für die Wochen seit dem 21. Oktober nachzahlen. Keine Belege gefunden. Der Zoll wendet die alten Sätze an.Keine Belege gefunden26
- Behauptung: Händler haben wegen der Panne schon die Preise erhöht. Keine Belege gefunden.Keine Belege gefunden213
- Behauptung: Der frühe Start war ein bewusster Trick, um noch dieses Jahr mehr einzunehmen. Keine Belege gefunden. Alle Entwürfe nannten 2027.Keine Belege gefunden32
- Diese Behauptungen behandeln einen Textfehler wie eine Entscheidung. An der Kasse hat er bisher nichts geändert.
Was falsch ist
- Behauptung: Eine Schachtel Zigaretten muss jetzt fast 12 Euro kosten, rund 45 Prozent mehr. Falsch. Das ist nur die wörtliche Lesart; der Zoll wendet die alten Sätze an, die Preise sind unverändert.FalschBestätigt1236
- Behauptung: Das Parlament wollte die Erhöhung schon jetzt. Falsch. Entwurf, Begründung und Zoll nennen den 1. Januar 2027.FalschBestätigt13214
- Behauptung: Die Panne hat die Steuererhöhung gekippt. Falsch. Das Gesetz gilt, und die Erhöhung bleibt ab 2027 im vollen Umfang.Falsch2116
Was das bedeutet
- Zwei Dinge stimmen gleichzeitig. Auf dem Papier gilt das Gesetz mit den Sätzen für 2030. In der Praxis wendet der Staat es nicht an und hat das allen mitgeteilt.
- Für Raucher ändert sich dieses Jahr nichts. Die geplanten Erhöhungen beginnen am 1. Januar 2027 mit durchschnittlich 8,77 Euro pro Schachtel und erreichen 2030 11,36 Euro.Bestätigt361314
- Für Hersteller und Vape-Shops wiegt die Lücke schwerer. Sie handeln in dem, was die Branche eine Grauzone nennt, und verlassen sich auf eine Weisung des Ministeriums statt auf den Gesetzestext.BestätigtUnbestätigt1261219
- Für das Parlament ist die Frage, ob ein Ministerium ein beschlossenes Gesetz selbst berichtigen darf. Verweigern die Präsidenten von Bundestag und Bundesrat die Zustimmung, braucht es ein neues Gesetz.BestätigtUnbestätigt6378
- Stand 27. Oktober 2026 abends KST: Keine Berichtigung ist verkündet, kein Gericht hat entschieden, und es gelten die alten Sätze. Deshalb nennt das Urteil die Ausgangsbehauptung falsch.
Offene Fragen
- Stimmen die Präsidenten von Bundestag und Bundesrat einer Berichtigung nach § 61 GGO zu, oder bringt die Koalition ein Reparaturgesetz ein?
- Erscheint die Berichtigung vor dem 1. Januar 2027, und wirkt sie zurück bis zum 21. Oktober?
- Klagt jemand, etwa ein Liquid-Händler, der Steuerfreiheit geltend macht, oder Abgeordnete in einem Organstreit vor dem Bundesverfassungsgericht?
- Findet die Aktuelle Stunde der AfD in der nächsten Sitzungswoche statt, und klärt der Finanzausschuss, wie der Fehler durchrutschen konnte?
- Erklärt das Ministerium, wie ein einziger Satz monatelange Prüfungen in Kabinett, Parlament und Verbänden überstehen konnte?
Quellen21
- 1BILD
- 2Zoll
- 3tagesschau
- 4Bundesgesetzblatt
- 5Außenlage
- 6WELT
- 7Regierungspressekonferenz 21.10.2026 (FragDenStaat)
- 8BILD
- 9Deutscher Bundestag
- 10tagesschau
- 11Bundesrat
- 12tagesschau
- 13Deutscher Bundestag, Drucksache 21/7859
- 14tagesschau
- 15Außenlage
- 16dts via FinanzNachrichten
- 17BILD
- 18Bundesgesetzblatt (Verkündungsliste)
- 19inTaste (retailer)
- 20Radio Osnabrück (dts)
- 21ad-hoc-news